10.000 Kilometer zum Skifahren zu fliegen ist wohl wenig förderlich für den fortschreitenden Klimawandel. Dennoch gibt es gute Gründe für einen Winter-Trip ins japanische Hakuba.

Nagano ist vor allem bekannt als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1998. Manch einer wird sich an den 13. Februar erinnern, als Hermann Maier zum Weltstar wurde. 60 Meter segelte der “Herminator” beim Abfahrtsrennen in Hakuba durch die Luft – und schlug brutal auf. Von den meisten Zuschauern für halb tot gehalten schüttelte er sich kurz in bester James Bond-Manier, um wenige Tage später zwei Goldmedaillen zu gewinnen.

 

 

Hakuba liegt etwa eine Stunde entfernt von Nagano, drei Stunden sind es mit dem Super-Schnellzug Shinkansen und dem Bus nach Tokio. Eine Million Ski-Fans machen das 8000 Einwohner-Städtchen im Winter zum japanischen Mekka des Wintersports. Im heißen japanischen Sommer wiederum lockt die Region dank ihrer milden Temperaturen eine weitere Million Touristen zum Bergwandern und Klettern. In Anlehnung an ihr Pendant in Europa werden die Berge um Hakuba auch als „Alpen Japans“ bezeichnet. Die scharf aufsteigenden Gipfel erinnern an die Dolomiten in Italien oder die kanadischen Rockies. Der höchste Gipfel ist der Mount Hotaka auf 3.190 Meter über dem Meeresspiegel. Das Hakuba Valley verwöhnt Ski-Aficionados mit mehr als 200 Abfahrten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade verteilt auf neun Skigebiete. Die klimatisch günstige Lage im Einflussgebiet von Sibirien sorgt für reichlich Schnee, oft bis in den Mai hinein – und rückt die Region zunehmend ins Visier von Skifahrern und Snowboardern aus der ganzen Welt. Derzeit kommt fast jeder sechste Gast aus dem Ausland.

 

 

Der Schnee ist sensationell und macht das Skifahren zur Glückseligkeit: feinpulvrig‚ luftig und weich – in Kanada würde man ihn als Champagne-Powder bezeichnen. Das Tüpfelchen auf dem i: Selbst in der Hochsaison sind die perfekt präparierten Pisten nicht überfüllt – ein Traum. Ein Alptraum sind dagegen manche Sessellifte. In Europa stünden sie längst im Museum. Hauben gegen Wind und Kälte gibt es nicht‚ Fußrasten fehlen ebenso und teils gibt es nicht einmal Sicherheitsbügel. Überhaupt muten die Anlagen an wie aus einer anderen Zeit. Die wenigen Gondeln scheinen aus einem Science Fiction-Film der fünfziger Jahre gefallen zu sein. Ein unwillkürliches Gefühl von Trash ist ständiger Begleiter in dem Land‚ das weltweit führend in Sachen Ingenieurskunst ist. Andererseits sind 45 Euro pro Tagespass für gleich neun Gebiete im Vergleich zu europäischen Wintersport-Hot-Spots ein Schnäppchen.

 

 

Eine Ausrüstung auf der Höhe der Zeit lässt sich vor Ort mieten. Auch wer auf großem Fuß Ski fährt‚ kommt im Land der vergleichsweise klein gewachsenen Menschen zum Zuge: Selbst Skistiefel in Größe 46 sind kein Problem. Im Gegensatz zum 200 Kilometer südwestlich gelegenen Skiresort Washigatake in der Präfektur Gifu genügt in und um Hakuba die englische Sprache für einen problemlosen und angenehm-exotischen Aufenthalt. Happo-one ist das größte und bekannteste Resort der Region und ist Mitglied der Vereinigung „Best of the Classic Mountain Resorts Japan. Es erstreckt sich zwischen 760 und 1.831 Metern. Damit kommt es auf einen Höhenunterschied von 1.071 Metern, was in Japan eher selten erreicht wird. Während der Olympischen Winterspiele von Nagano fanden hier die Abfahrts-, Super-G- und Kombinations-Skiwettbewerbe statt. Happo-one ist zugleich das Resort in unmittelbarer Nähe des Dorfzentrums.

 

 

Die Talstation hat zwar eine Bar mit dem vielversprechenden urdeutschen Namen Hüttenzauber. Doch Après-Ski europäischer Provenienz mit feuchtfröhlichem Flatrate-Saufen ist die Sache der Japaner nicht. Hier kann man noch genießen‚ ohne dem Alkohol zu frönen. Das hat seinen ureigenen Zauber: Statt Spätzle gibt es nach einem anstrengenden Skitag Sushi, statt Salami Sashimi und Sake statt Schnaps. Günstig satt werden hungrige Skisportler mit Ramen, einerheiße Schüssel Fleischbrühe mit Sojasprossen, geriebenen Gurken und Toppings wie Schweinescheiben‚ Gemüse oder einem gekochten Ei. Angesichts solcher Traditonen bleibt zu hoffen‚ dass die westlichen Ski-Einwanderer ihre seelenlosen Gebräuche nicht ins Land der aufgehenden Sonne exportieren.

 

 

Ein typischer japanischer Brauch‚ einen Skitag auf zu beenden‚ ist ein Bad im Onsen. Diese zum Baden geeigneten Thermalquellen sind seit Jahrtausenden der Inbegriff der Entspannung. Der Besuch folgt einem festen Ritual. Besonders wichtig dabei: Vor dem Gang ins Becken ist gründliches waschen mit viel Seife angesagt. Dafür steht ein kleiner Hocker bereit. Die zweite Regel: Im Onsen sind alle nackt‚ wobei Männer und Frauen fast ausnahmslos getrennt baden. Tätowierte müssen draußen bleiben‚ Tattoos tragen in Japan nämlich vor allem die Vertreter der japanischen Mafia-Organisation Yakuza.

 

 

Zentral gelegen‚ mit eigenem Onsen und Aussicht auf die Skisprungschanzen und die Berge liegt das Hotel Happokan. Mit dem Auto sind es nur wenige Minuten bis zu den Skigebieten Hakuba Happo-one und Iwatake‚ nach zehn Minuten ist man im Skigebiet Hakuba Goryu. Ebenfalls in kürzester Zeit erreichbar sind das Kunstmuseum Laforet und der Bahnhof. Zur Wahl stehen Zimmer im westlichen Stil und japanisch eingerichtete Zimmer mit Tatamimatten und traditionellen Futonbetten. Das Hotelteam ist ebenso freundlich wie hilfsbereit und erklärt mit Hingabe die Besonderheiten des japanischen Frühstücks.

 

 

Wer die lohnende Reise nach Hakuba auf sich nimmt‚ sollte sich den Ausflug ins zwei Autostunden von Hakuba entfernte Jigokudani nicht entgehen lassen. Dort chillen Rotgesichtsmakaken im Thermalwasser. Dicht sitzen sie beieinander und wärmen sich im Onsen, während Schneeflocken auf ihre Köpfe fallen und bisweilen weiße Käppchen formen. Laut Besucherzentrum sind es die einzigen Affen der Welt, die Thermalwasser zum Baden nutzen.

Fotos: Christian Euler, Julien Stark (Schnee-Affe)